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Social Trading: So profitieren Sie von den Besten

Social Trading klingt nach dem demokratischsten Finanzprodukt aller Zeiten – doch wer blind kopiert, kopiert auch die Fehler anderer. Ein ehrlicher Blick hinter die Fassade zeigt, warum 500 Euro schnell zu 312 werden können.

Social Trading: So profitieren Sie von den Besten

Ich habe im März 2021 das erste Mal 500 Euro auf ein Konto geschoben, nur um einen Trader zu kopieren, dessen Profilbild ein Typ mit Sonnenbrille auf einem Jet-Ski war. Sechs Wochen später waren es 312 Euro. Nicht wegen eines Crashs. Sondern weil ich nicht verstanden hatte, was ich da eigentlich tat.

Genau darum geht es hier. Social Trading klingt nach dem demokratischsten Finanzprodukt seit der Erfindung des Sparkontos: Du schaust anderen beim Handeln zu, liest ihre Kommentare, und wenn dir jemand gefällt, drückst du einen Knopf und machst einfach mit. Die Realität ist komplizierter. Und ehrlich gesagt auch interessanter.

Wichtige Erkenntnisse

  • Social Trading verbindet Wertpapierhandel mit Netzwerk-Funktionen des Web 2.0 – du kannst Positionen anderer einsehen, kommentieren und kopieren.
  • Der „Follower" muss dem automatischen Nachbilden der Strategie ausdrücklich zustimmen, damit Orders ausgeführt werden.
  • Bekannte Beispiele sind eToro, wikifolio und hi!stocks von comdirect.
  • Hebelprodukte mit hohem Risiko tauchen in den Profilen oft auf – ohne dass Einsteiger den Mechanismus dahinter verstehen.
  • Vergangene Rendite sagt fast nichts über den nächsten Monat. Schon gar nicht bei einem 24-jährigen Signalgeber mit drei Monaten Historie.
  • Wer kopiert, kopiert immer auch die Fehler des anderen mit.

Social trading erklärt: was da wirklich passiert, wenn du auf „folgen" klickst

Die Grundidee: Du handelst Wertpapiere nicht mehr allein im stillen Kämmerlein, sondern in einem sozialen Feed. Andere Nutzer veröffentlichen ihre Trades, ihre Portfolios, ihre Meinungen. Das ist der Web-2.0-Teil. Der Trading-Teil ist, dass du diese Entscheidungen übernehmen kannst.

Das nennt sich dann Copy Trading. Je nach Plattform läuft das etwas anders, aber der Kern ist immer gleich: Du gibst einmal die Erlaubnis, dass Trades eines anderen automatisch auf deinem Konto nachgebildet werden. Ab dann passiert es ohne weitere Rückfrage.

Wie funktioniert Social Trading?

Ein Nutzer – nennen wir ihn Signalgeber – eröffnet eine Position. Die Plattform zeigt das im Feed. Andere Nutzer können diese Position sehen, diskutieren und – wenn sie wollen – kopieren. Beim Kopieren wird dieselbe Order proportional auf das Follower-Konto übertragen. Wer 10 % des Kapitals des Signalgebers einsetzt, bekommt auch 10 % der Positionsgröße. Schließt der Signalgeber die Position, wird sie beim Follower ebenfalls geschlossen.

Was auf den ersten Blick sauber klingt, hat einen Haken, den ich schmerzhaft gelernt habe.

Das Ding ist: du kopierst nicht die Strategie, du kopierst den Moment

Als ich anfing, hatte ich eine Vorstellung im Kopf, die ungefähr so realistisch war wie „Ich kopiere einen Marathonläufer und werde automatisch fit". Ich kopierte einen Trader, weil seine Zahlen grün leuchteten. Was ich nicht wusste: Er hatte die Positionen, die ich kopierte, schon vor Tagen eröffnet – bei deutlich besseren Einstiegskursen. Ich stieg oben ein.

Der Kurs drehte. Er hielt. Ich hielt auch. Nach zwei Wochen war ich 38 % im Minus, er nur 9 %, weil er früher rein war. Das ist kein Betrug. Das ist einfach Mathematik.

Von eToro bis wikifolio: welches Modell zu wem passt

Der Markt ist unübersichtlich geworden. Ich habe in den letzten drei Jahren fünf Plattformen ausprobiert, zwei davon wieder gelöscht. Hier ist, was ich dabei über die Modelle gelernt habe.

Von eToro bis wikifolio: welches Modell zu wem passt
Image by sergeitokmakov from Pixabay
Plattform-Typ Beispiel Wie es funktioniert Für wen
Broker mit Social-Feed eToro Trades werden geteilt, direkt kopierbar, oft mit Hebelprodukten Wer schnell einsteigen will
Wiki-Portfolios wikifolio Nutzer verwalten Musterportfolios, teils als Fonds investierbar Wer langfristig denkt und Nachvollziehbarkeit will
Banklösung hi!stocks (comdirect) Social Features direkt ins Depot integriert Bestandskunden, die keine zweite App wollen

Social Trading-Plattform: worauf ich heute achte

Es gibt vier Dinge, die ich inzwischen vor jedem Copy-Vorgang prüfe. Und ich meine wirklich vor jedem.

  1. Wie lange ist das Konto aktiv? Unter zwölf Monaten: Finger weg.
  2. Maximaler Drawdown, nicht nur die Rendite. Ein Trader mit 200 % Plus und zwischenzeitlich 70 % Verlust ist kein Genie, sondern ein Glücksspieler.
  3. Sind Hebelprodukte im Spiel? Wenn ja, welcher Hebel? Alles über 3 ist für mich ein Ausschlusskriterium.
  4. Schreibt der Signalgeber auch dann, wenn es schlecht läuft? Oder nur bei Gewinn-Trades? Das sagt mehr über die Person als jede Renditezahl.

Punkt 4 ist der wichtigste. Und der, den ich am längsten ignoriert habe.

Copy Trading Erfahrungen: die Dinge, die keiner in den Werbevideos zeigt

„Copy Trading Anbieter vergleichen" ist der Suchbegriff, mit dem ich 2021 angefangen habe. Was ich damals gefunden habe, waren Listen mit Prozentzahlen. Was ich gebraucht hätte, war jemand, der mir sagt, was nachts um drei passiert, wenn der Markt in Asien wegbricht und dein Signalgeber schläft.

Copy Trading Erfahrungen: die Dinge, die keiner in den Werbevideos zeigt
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Kurz gesagt: Nichts Gutes.

Erfahrung 1: Die Slippage-Falle

Zwischen dem Moment, in dem der Signalgeber eine Order auslöst, und dem Moment, in dem sie auf meinem Konto ausgeführt wird, vergehen Sekunden. In volatilen Phasen sind das Sekunden, in denen der Kurs sich bewegen kann. Das nennt man Slippage. Bei ruhigen Aktien ist sie irrelevant. Bei Krypto um 2 Uhr morgens? Ich habe einmal 1,7 % Kursverlust allein durch die Verzögerung gefressen, bevor die Order überhaupt ausgeführt war.

Seitdem kopiere ich keine Trader mehr, die überwiegend in hochvolatilen Assets unterwegs sind. Nicht weil die Strategie schlecht wäre. Sondern weil ich den Einstiegspreis nie bekomme, den sie bekommen.

Erfahrung 2: Wenn der Signalgeber aufhört

Ein Trader, dem ich neun Monate gefolgt bin, hat einfach aufgehört. Kein Abschiedspost, keine Erklärung. Von einem Tag auf den anderen: keine neuen Trades mehr. Das Problem: Seine offenen Positionen blieben offen. Auf meinem Konto auch. Ich musste selbst entscheiden, was ich damit mache – und ich hatte keine Ahnung, warum er sie überhaupt eröffnet hatte.

Das ist ein Punkt, den ich in keiner Anbieter-Beschreibung gefunden habe: Was passiert eigentlich mit laufenden Positionen, wenn derjenige, dem du folgst, verschwindet? Antwort: Du stehst allein da.

Ist Trading gefährlich? Ja, und Social Trading macht es nicht sicherer

Ich will hier nicht den Moralapostel spielen. Aber die Frage „Ist Trading gefährlich?" ist die, die ich mir am Anfang hätte stellen sollen, statt sie zu übergehen.

Trading ist gefährlich. Immer. Auch wenn ein hübsches Interface dranhängt und ein sozialer Feed daneben. Und Social Trading reduziert dieses Risiko nicht – es verlagert es nur.

Was Social Trading nicht löst

  • Verlustrisiko: bleibt bei dir. Keine Plattform fängt es auf.
  • Interessenkonflikte: Manche Signalgeber werden für Aktivität bezahlt, nicht für Ergebnisse.
  • Psychologie: Wenn 4.000 andere mit dir kopieren, fühlt sich der Verlust weniger nach deiner Schuld an. Ist er aber.
  • Steuern: Gewinne aus Social Trading sind je nach Land und Haltedauer unterschiedlich zu behandeln. Ich habe das 2022 mit einem Steuerberater klären müssen, weil ich es vorher „irgendwie mit den Formularen regeln" wollte.

Trading Demo: der einzige Test, der zählt, bevor du echtes Geld einsetzt

Ich habe nach meinem Jet-Ski-Debakel vier Monate lang nur noch im Demo-Konto getradet. Gleiche Plattform, gleiche Signalgeber, null Euro echtes Geld. Was ich in den vier Monaten gelernt habe, war mehr wert als die 188 Euro, die ich zuvor verloren hatte.

Der Punkt ist nicht, dass Demos dich zu einem besseren Trader machen. Tun sie nicht – die Emotionen fehlen. Der Punkt ist, dass du die Mechanik verstehen lernst, ohne dafür zu bezahlen: Wie schnell wird kopiert? Was kostet Slippage? Wie oft schließen die Leute, denen du folgst, ihre Positionen wieder? Ich habe in den vier Monaten 47 Kopien gemacht und 19 davon hätten mir in echt Geld gekostet.

Was ich heute mache (und was ich nicht mehr mache)

Ich habe Social Trading nicht aufgegeben. Aber ich nutze es anders.

Ich folge zwei Leuten. Beide seit über drei Jahren aktiv. Beide schreiben über Verluste genauso ausführlich wie über Gewinne. Auf beide setze ich zusammen maximal 8 % meines Depotwerts. Ich prüfe alle vier Wochen, ob ihre Strategie noch das ist, was ich glaube. Und ich habe mir eine Regel gesetzt, die ich nicht breche: Wenn ich nicht in zwei Sätzen erklären kann, warum jemand eine Position hält, kopiere ich sie nicht.

Was mich am meisten überrascht hat, als ich anfing: Die Community-Funktion, die ich für den Kern des Ganzen hielt, ist für mich heute Nebensache. Der Feed ist voll von Leuten, die auf Trades warten, die sie nicht verstehen. Ich lese noch mit. Aber ich entscheide allein.

Vielleicht ist das die ehrlichste Beschreibung von Social Trading, die ich geben kann: Es ist am nützlichsten, wenn man es am wenigsten als Abkürzung benutzt.

Christian Wagner

Christian Wagner

Christian Wagner ist Journalist und berichtet seit über zehn Jahren schwerpunktmäßig über Finanzen und Immobilien sowie über die Schnittstelle von Frauen, Mode und Geschäft. Seine Texte behandeln unter anderem Anlagestrategien, Immobilienmärkte und die wirtschaftliche Entwicklung der Modebranche.

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